Buch Kapitel 4

Warum   gerade   eine     Hoogaars?

Die verschiedenen Plattboden-typen wurden so gut wie ausschließlich in Holland  revierangepaßt über  viele Jahrhunderte als Arbeitswerkzeuge entworfen und in hunderten kleinen Werften gebaut: Fischer, Transporter, Schnellsegler für verderbliche Waren,  vielfältige Arbeits-Fahrzeug für untiefe  flache Gewässer.  Sie wurden von einer Schiffbauergeneration zur Nächsten immer weiter entwickelt bzw. verbessert. Eine der wichtigsten Anforderung an diese Schiffe war Gemakelig gaan varen. Das meint mit möglichst wenig Kraftaufwand und möglichst kleiner Manschaft zurecht zu kommen. 

So findet man in der Zuiderzee und Friesland voluminöse geräumige Transporter  und Fischer wie Tjalken, Bollen und Lemmeraaken größtenteils mit dickbauchigem Vorschiff.

 

 

Im Nordzee-angrenzenden Zeeland und im wesentlich rauherem  Schelde Delta Revier  entstanden  schon vor 400 Jahren ganz andersartige seefeste Segel-Fahrzeuge, vor allem Hoogaars und Hengst vornehmlich als Krabben-Fischer mit weit überhängenden  "spitzen"  Vorschiffen. Wegen ihren guten revierangepassten Segeleigenschaften wurden sie schon im 18 Jahrhundert auch als Pläsier-Fahrzeuge mit einer Kajüte und mit einer Wasserlinienlänge von bis zu 15 m gebaut

so wie hier 200 jahre später JOHANNA mit WLLänge 8,50 m . DieTegel mit Leo s Feder gezeichnet und gebrannt.

 

Tegel, Fliese aus Leo s Feder zeigt einen Botter aus der Zuiderzee, wie sie heute immer noch gepflegt unsorgt restauriert und gevaren wird. Merkmale sind runder Vorsteven, Kluiverbaum und Segel, Fock und  als Haupt Segel das an der Gaffel  eingenähte Gros sowie das an der Lee-Seite gesteckte Seitenschwert.

 2010: neuer vereinfachter Farb- Anstrich betont den charakterischen bzw.  schlanken Hoogaars-Riss in der Seitenansicht. Damals hatte Sie noch keinen  Luvbijter (Nase vorn am Unterwasserschiff).  Baujahr 1983, Werft Dick Kloos, Leyden BRANDENDE LIEFTE. s. Stamboek  nr. 2365, wurde 2023 ins holländische Register Stichting Ronde en Plattbodems  aufgenommen. Für die Holländer lebendes Erbgut.

Hier liegt JOHANNA auf dem Slip bei  Martin Skadow, Werft Neuhaus Oste, gediegener Schiffbauer,  meinem Freund und Helfer in vielen Nöten. Er hat 4 zerfetzte Seitenschwerter, Kluiverbaum, Gaffelbaum Ruder und vieles mehr für uns aus abgelagerten Hölzern neu gebaut.

Das sind  Bilder von 5  (hier nur 3 zu sehen) wunderschönen eleganten  hölzernen Seglern, die Martin Skadow eigenhändig gebaut hat. 2010 hat Leo seine Werke gemalt,  als  besonderen Dank für seine prächtigen formschönen Holzarbeiten  auch  für unser Schiff . Er ist im Übrigen ein sehr erfahrener Segler und hat mir 2022 in der Not geholfen de boot in 4 Tagen 600 miles von Edinboroug nach Vlissingen mit 48 stunden Törns zurück zu bringen.

 

Auf offener See passt JOHANNA  mit 8,5m Wasserlinienlänge genau in ein Wellental der offenen See und lässt sich wunderbar aufrecht varen, wie hier auf einem Raumschots-Kurs zu sehen, d h der Wind kommt seitlich leicht von achtern und  erlaubt eine durchschnittlich Vaart von 6 Knoten. Das Spritzwasser bleibt weitgehend aussenbords. Der Mast wird neben den Wanten zusätzlich mit Backstagen gesichert, und zwar über einen Violinblock - 2 Umlenkrollen  am re Bildrand zu sehen, der die Zugkraft auf ein achtel reduziert. Die Backstagen sind ein  loses Sicherheits-Stack. Sie werden auf der (dem Wind zugekehrten) Luv-Seite dicht geholt. Dadurch wird der Mast zusätzlich zu den immer festen  Wanten abgesichert. Dabei kommt zusätzlich das Vorstag dicht. Man kann dann höher (gegen) amwind varen.

Ein revier-gerechtes, immer noch  einhand zu segelndes Schiff für Wattenmeer u. Nordsee sollte weniger als 1m Tiefgang haben, muß auch bei Niedrigwasser noch außerhalb des  Fahrwassers zurechtkommen, bei Schietwetter überall im Watt unterkriechen und problemlos trocken fallen können. Es muß aber auch in den Seegaten, im Rütergat und Schmaltief  gegen 2 m hohe Welle aufkreuzen können. Also Hubkiel? Kielschwerter? oder seefester Plattboden? Wenn man keine Angst vor Seitenschwertern und einen Sinn für traditionelle Linien hat, keine „Yoghurt-Becher“ (Kunststoff-Schiffe) mag und wer wie wir mit der VROUWE WILLEMKE schon mal in einem  10 bft  Sommersturm auf einem Steindamm vertrieben wurde und unbeschadet (außer ein paar Beulen im Platt-Boden) wieder frei gekommen ist, landet schnell bei einem  robustem holländischen Stahlbau-Plattboden wie z.B.. Lemsteraak, Schokker, Bol oder Hoogaars. 

Das ist der ursprüngliche Segel-Plan von

 Dick Kloos 1983. Ein traditionelles Plattboden Schiff  von 11,12  m Länge über die Steven, aber nur 8,50 m  in der Wasserlinie, so daß es in die kleinste Visserman -Klasse  C  konnte. Daher das Segelzeichen VC

Mijnheer Dick Kloos war damit wie geplant sehr erfolgreich.  Zur Finanzierung baute er auf seiner Werft in Leyden eine lediglich 1cm kürzere zweite Version.

1995  lernten wir diese  Schwester, die VROUWE WILLEMKE vom Verleiher Heeg by de mar kennen.  Zuerst hatte sich Kaike (damals 14jahre alt) in das Schiff verguckt. Wir beschlossen sogleich, die Hoogaars  für 3 Wochen  in unserem nordfriesischen Revier zu testen: Auf dem Weg nach Nordfriesland war das Dove Tief zwischen Norderney und Juist der erste Hoogaars-Test: Bei Windstärke 4-5 bft aus nw mit ablaufend Wasser – Strom gegen Wind - in die Nordsee auslaufen, was man nur mit absolut seefesten Schiffen machen sollte:  Berg und Talfahrt (eigentlich ein Seeamtsfall). 

Der Klüverbaum bohrte sich tief in jede dritte Welle ein. Der halben Mannschaft ging es schlecht, nur die Hoogaars blieb trocken.  Kein Stampfen. Keine Wellenbremse. Komodiges Vorwärtskommen selbst unter  miserablen Bedingungen. Abgesehen von zerdebbertem Geschirr, keine weitere Schadensmeldungen. Und damit war die Sache klar bzw.  entschieden.

Sie (de boot = weiblich)  schneidet die Welle wie mit einem scharfen Messer mitten durch:  zodat de boot droog doorvart. Der beim Trockenfallen gröstenteils im Sand eingegrabene Luvbijter am Vorsteven  verbessert den Trimm (Seegeleigenschaft) erheblich. Nachdem wir in schwerer See mehrere Seitenschwerter zerbrochen haben und Probleme mit unserer holländischen Versicherung bekamen, hat uns ein erfahrener Segelmacher ( Zeilmaker Jaap Jongsma) auf diese Idee gebracht. Diese unterwasser Vorschiffs-Nasen sind bei anderen Plattboden-Typen schon  seit über hundert Jahre lang geräuchlich. Hierdurch können wir jetzt bei Starkwind in schwerer See draußen in der Nordsee  ohne Seitenschwert varen. (VAREN meint bootfahren, andere Arten der Fortbewegung haben das Verb rijden  sowohl zu Fuss als auch mit Rad, Auto oder Flugzeug)

Wenn man im untiefen Watt-Wasser bei ablaufender Tide (Ebbe) keinen  Hafen mehr erreichen kann,  lässt man sein Plattbodenschiff einfach Trockenfallen. Hierbei kommen jetzt die eleganten schlanken Linien der schönen Dame besonders eindrucksvoll zur Geltung. Um einen  möglichst minimalen Windwiderstand  zu haben, sind die Aufbauten  besonders flach gehalten, was die Seefestigkeit insbesondere Am-Wind (Wind von vorne) erhöht. Nachteilig ist (allerdings nicht für uns) die relativ geringe Stehhöhe in der Kajüte von 175 cm.

1997 , mein ältester Sohn Sönke an Bord der ursprünglich weiss angemalten rein stählernen  JOHANNA . Nur die Dörtjes, das Schiebeluk und das Skylight (Koekoek) waren aus Holz, natürlich auch die Rundhölzer und die Seitenschwerter, alles andere war aus Stahl, innen Teppichböden. Hier  liegt sie im alten Hafen von Wischhafen ,Elbe. Dorthin hatten uns Claudia und Mischi Schutenzabel gelockt und in die traditionelle Plattbodenbande  und  Ewer-Szene gebracht . Sie lebten damals mit ihren 3 Kindern auf einer geräumigen Tjalk  WEER en WIND im Hafen. Sie sind ein Juwel in der traditionellen Seglerbande der Elbe und varen heute eine kleine  Zeeschouw.

 Als Dankeschön  für ihre Segeleigenschaften und vor allem  für ihre Gutmütigkeit hat die ursprünglich

stählerne Dame ab  2001 nach und nach ein hölzernes Kleid bekommen. Erst das Kajütdeck. 2002 Kajütwand und Gang-borden;  2003 Plicht und Schandeckel, alles ohne eine einzige Schraube aufgeklebt. Schrauben zwischen Holz und Stahl führen nach 15 Jahren unausweislich zu Rostlöchern im Stahl und so im schlimmsten Fall zum Untergang bzw Verlust oder zumindest aufwändigen Reparaturarbeiten,

JOHANNA kann direkt vor unserer Tür (Haus) am wittdüner Nordstrand trockenfallen. Wenn ich früher Nachts ankam und im Dunkeln nicht mehr in den Hafen wollte, hab ich hier Anker geworfen. An Land konnte man dann die Kette durch die Ankerklüse rasseln hören. Eine extra Klar-Meldung war nicht nötig.

RumRegatta 2010 Start verpaßt; dennoch von Platz 26 an der Wende auf Platz 6 aufgeholt, da de boot in Böen auf 40 grad amwind anluvt, so daß wir das Ziel auf einem Bug mit durchgehend  mit  7,5 ktn anliegen konnten. Dank der großen Lenzlöcher in der Plicht bleiben die Füße trocken. 2011 haben wir es bei Nullwind auf Platz 3 von allen geschaft, trotz 12,5 tons Verdrängung. Vollzeug 90 m2. Das nächste Plattbodenschiff kam erst eine ganze Stunde später über die verkürzte Ziellinie.                Foto J. Staugaard

 

 Nachdem uns, auf der Anreise zur Rumregatta 2004 in der Flensburger-(Düse)-Förde, eine kurze harte Böe platt gelegt hat – Johanna verhielt sich dabei wie eine ordentliche, gut erzogene Dame, und richtete sich sogleich wieder artig auf, schüttelte sich wie ein nasser Pudel- nasses Grossegel- und fuhr sogleich ungerührt weiter. Danach haben wir  ihr nochmals 500 kg Bleiballast in die Bilge gepackt, damit sie nicht mehr so leicht straucheln kann.

Gangborden unter Wasser , Kein Ruderdruck, d. h. guter Trimm bzw. richtige  Kraftverteilung  zwischen den Vorsegeln und dem zweifach gerefftem  Grossegel: de boot  ist in guter Balance der Kräfte vor und hinter dem Mast, so daß der Rudergänger kaum Arbeit hat. Das mächtige Ruder  des Plattboden-Seglers steht mitschiffs. Wenn nicht, hat es die Wirkung einer mächtigen Bremse.  Die Vorschoter in Lee müssen sich hier gut festhalten.

Mit  der, durch 2 reffs verkleinerten Segelfläche kann JOHANNA Wind- Boen bis  6 bft gut vertragen,  dann muss das Grossegel bzw der Giekbaum weiter aufgefiert werden. Boen bis 7 bft verträgt SIE mit einem kleinem Kuiversegel und 3 reff Gros und ist dann ein Schlechtwetter-Segler.

Überhaupt muß man lernen, das Schiff zu fragen, was es will. Bevor ich vor vielen Jahren, damals noch weit vor der Wetteronline-Zeit, alleine draußen auf der Nordsee in Not kam, dachte ich über diesen Schnack der alten Schipper , wie wohl die meisten Leute an Land: Was für ein haarstreubender Unsinn: Ein Schiff hat doch keinen Mund ? 

Ich war mit JOHANNA allein von Wittdün aus aussen rum zu unterwegs nach Fänö, Dänemark. Wind  aus WNW 5 bft. mit der günstigen Vorhersage : Linksdrehend, abnehmend 4 bft.  2reff im Groß und große Fock waren gesetzt. Obwohlich ich mir  tagszuvor den Fuß scheinbar nur leicht verstaucht hatte, nahm der Schmerz unterwegs so stark zu, daß ich mich schließlich nicht mehr aus der Plicht heraus bewegen konnte. Entgegen der ursprünglichen Wettervorhersage kam zunehmender, rechtdrehender Wind auf, so daß man immer härter an der Pinne arbeiten mußte. Schließlich tat ich das,  nach einem kurzen sehr lautem Gespräch mit de boot, was die Dame Johanna schon lange wollte: Die Schoten auf und Pinne frei laufen lassen und siehe: Sie fuhr mich wie ganz von allein mit einigen kleinen Schlenkern, kursstabil im Trimm, ohne Zutun, mehr oder weniger geradewegs nach Westen. Nach Engeeland wollte ich aber nicht. Nachdem der Fuß versorgt und heißer Tee aufgesetzt  war, konnte ich vorsichtig auf allen vieren, platt wie eine Flunder, nach vorne an den Mast kriechen, ohne mich um die Pinne zu kümmern. Das Groß ins 3. Reff runterholen, Fock weg und Rollkluiver raus, so daß  Sie jetzt auf SW-Kurs eindrehte, und damit war  Helgoland  gut anzusteuern.

2 Reff gross (G mit 2 querstrichen) bedeutet 2 fache Verkleinerung der Segelfläche des Gr0ß-Segel. Damit ist man gut vorbereitet für mittlere bis kräftige Windverhältnisse von etwa 5 bft. Für wenig Wind ist man untertackelt, für Starkwind von 6-7 bft übertakelt. Wenn man Einhand (Solo, Flaggensignal Buchstabe 1) fährt, wählt man immer möglichst wenig Segelfläche um komodig und sicher zu fahren.

Schon bei einem schwachen Lüftchen fängt sie an zu laufen, kreuzt  wie hier im engen Ilef-fahrwasser unter Langeness 

problemlos  auf, so daß wir in einer ganzen Segelsaison weniger als 200 l Diesel verjockeln, einschließlich  zweier NO-Kanal-Passagen. Alle Plattbodenschiffe sind Grossegel  ( hier 44m2) dominant, das normale  Vorsegel (die Fock) hat mit 20 m2 nur halb so viel Segelfläche. Als weiteres Vorsegel wird ganz außen der Kluiver gesetzt, wenn ein moderater halber Wind (von der Seite) weht. Dann herrscht mit  Vollzeug (G,F + K) ein  Gleichgewicht der Kräfte, so daß de boot mühelos wie von allein VAREN kann. Trotzdem muß man immer alles seefest haben, da Wind und Wettervorhersagen insbesondere in der Nordsee unberechenbar sind. Man nennt das gute Seemanschaft. Auch wir mussten um diese alte Schipperweisheit zu verstehen, tüchtig Lehrgeld bezahlen.

See-Fest-machen heisst, Alles so sicher verstauen, daß es nicht weg kann.

Wenn sich  das Schiff hoch am Wind auf die  Seite legt, fliegt einem sonst unklariertes Tauwerk, Wasserflaschen -wie ein Geschoss- Geschirr und loses Werkzeug um die Füsse. Dahingegen muß  Alles was in Arbeit ist, insbesondere Tauwerk  wie Schoten, Fallen, Festmacher ordentlich aufgeschossen, fixiert griffbereit zur Hand sein, insbesondere wenn man Einhand fährt. Winschkurbel haben ein extra Schwalbennest.

 

Zur SEEKLAR-Meldung gehört seitdem, neben Klar bei SeeventilenVerriegeln der Kühlschranktür.  Die Petroleumlampe im Salon haben wir nach Havarie  (großer Öl-Fleck auf den Polstern)  zusätzlich nach unten zum Tisch abgebändselt um das Geschleuder in wilder See zu bändigen. An der stabilen Aufhängung  insbesondere der Petroleum Lampe  erkennt man im Übrigen, wie viel ein Schiff bewegt wird oder bloß im Hafen rumliegt. Die Glocke war offenbar ein Geschenk an den Schiffbauer D. Kloos. Sie wurde früher unter anderem als Nebel-Signal benutzt. Heute kann man sich damit unter einer  Kinderbande an Bord  Gehör verschaffen.

Die gut zugänglichen Stauräume unterdecks, die  Schapps sind mit einfachen hölzernen Rolläden und so mit einem Handgriff zu sichern. Die Bücher und Karten darüber fest eingeklemmt gesichert. Das Klein-Gelöt wie Schrauben, Schäkel , Kauschen und  Splinte gutsortiert in Boxen verstaut, muß manchmal schnell zur Hand sein und zwar immer am gleichen Platz lagern. Diese von D. Kloos durchdachten gut geschützten Konstruktionen sprechen für seine Erfahrung und Absichten , sein eigenes Fahrzeug seefest zu bauen und zu varen.

Trockengefallen werden achterlich die runden, geschwungenen Linien am eindruckvollsten sichtbar, insbesondere der breite Rumpf und die abgerundete hochgezogene 

Heckform, mit dem charakteristischen hoog arsch, der die brechende Welle der  hohen See abhält und damit auch namensgebend für diesen ehemaligen Krabbenfischer aus der Scheldemündung war. Durch diese runde Konstruktion wird der Sog des Wasser-Abstrom vermindert , bzw die Geschwindigkeit des 12 tons verdrängenden Seglers erhöht.  Der  scharfe Winkel der  unteren Kimm hat eine gute Kursstabilität zur Folge, ähnlich wie bei einem Langkieler, außerdem muß dabei das Schwert  auch nicht so tief runter stechen wie bei einem Rundboden. Diese besonderen Konstruktions-Merkmale vom Entwerfer Dick Kloos bestimmen JOHANNA s  außerordentlich gute Regatta Qualitäten. Diese Heckform klassifiziert sie als Lemsterhoogaars.

warum ist JOHANNA  blos so furchtbar DICK  ?

Das untiefe Wasser im Wattenmeer erlaubt nur einen geringenTiefgang. Deswegen kann man den Winddruck nicht einfach mit einem tiefen Ballastkiel ausgleichen. Zunehmender Winddruck legt ein segeltragendes Schiff auf die Seite bzw. flach, bis zum Kentern. Kenterstabiltät eines Plattbodens kann in flachen Gewässern nur durch Formstabilität erzielt werden, d.h. breite Rumpfform tut not. Zunahme der Schiffs-Breite erhöht die Stabilität nicht nur linear sondern exponentiell. Dadurch kann das Schiff bei zunehmendem Wind länger aufrecht segeln bzw. mehr Segelfläche tragen. Ein aufrecht segelndes Schiff  hat den geringsten Widerstand und kommt so schneller voran: gemakelig gaan varen ist die filosofi der Holländer, meint: Vermeiden unnötiger Anstrengungen!

Bezogen auf den Wasserpass beträgt das Verhältnis max.Länge/max.Breite: 8.50m zu 3.60m, je breiter desto mehr Formstabilität: Deswegen ist JOHANNA so dick. Schlanke und damit ranke Bootsformen sind nur mit Kompensation durch einen tiefgehenden Ballastkiel lange aufrecht zu segeln und gehören auf die offene tiefe See, nicht ins Wattenmeer, zumindest nicht außerhalb des Tonnenstrichs! Sie haben im Gegensatz zu Plattbodenschiffen eine hohe Endstabilität, richten sich immer wieder auf.

Bei Starkwind wie hier zu sehen (2010 Tee-Regatta, Accumer Ee, Joke am Ruder) ist ein relativ kurzer Mast und damit tiefer Segelmittelpunkt von Vorteil, um nicht schon bei relativ geringen Windstärken reffen zu müssen.

Rhin-Platte rund, Herbstregatta der Freunde des Gaffelrigs auf der Elbe 2023. Halber Wind 4bft. Vollzeug, knapp 80 m2 Gesamtsegelfläche, Schoten weit auf, Schwert halb hoch. Rausche Vaart, Man kann hören wie JOHANNA anfängt an wie eine Katze zu schnurren. Bei Stauwasser (Kein Tidenstrom) hatten wir hier kurzfristig max 9,2 ktn auf der Zeiger. Nur Elmar war mit seinem leichten hölzernem  Jollenkreuzer ELFRA  voraus. Die  außerordentlich schnelle ELFRA gehörte früher Pisspottschröder (letztes Haushaltswaren-geschäft in Stade) der einen eleganten Abgang auf der Elbe hatte, unter Segel ab in den Himmel. Foto Jo Staugaard.

Durch ihren geringen Tiefgang (90 cm)  kommt JOHANNA  bei normalem Wasserstand  noch in die schönsten und einsamsten Naturhäfen, wie hier auf Appelland          (Gröde). Sturmfest sind die Anleger hier nicht. Das ist abgesehen von Landunter mit Starkwind auch nicht nötig. Es riecht hier stark nach Minze durch das aromatische silbernfarbene Wermutskraut (Artemisia absinthium ), aus dem u.a.  Absinth gemacht wird. Wermutskraut wird in der Bibel als Besonderheit erwähnt; einer Version nach entsprang er auf dem Weg, den die Schlange bei der Vertreibung aus dem Paradies nahm.

 Dieser Platz hier ist einer der Wenigen im Wattenmeer, wo man das sonst aufweckende Plätschern des wiederkehrenden Flutstromes an der Bordwand nicht hört, da es sich um  die letzte Wiese des Strombetts handelt, so daß ich morgens früh bei Tagesanbruch fast das HW verschlafen hätte. Schon kurz nach Sonnenaufgang spazieren hier die eingeborenen Austernfischer ärgerlich und laut spektakelnd  übers Deck .

Noch im Halbschlaf, Ohren  halb unterm Kopfkissen, hört man dann, wie unangenehme Zeitgenossen aus der Nachbarschaft oder Wichtigschnacker über DICH palavern und dummes Zeug reden. Wenn man dann immer noch halb trunken rasch die Lucke aufreist und den Kopf über Deck hebt, gibts hier nur Enten aller Sorten zu sehen, und sonst nix!  mit menschen ähnlichem Klang ihres Palavern in den Wiesen von Gröde-Appelland.

 

 

6 std später ist  das Wasser wieder weggelaufen.  Johanna   hat sich leicht auf die Kante gelegt. Die Vögel sind eine Meile weiter ins trockengefallene Watt zum Mittagessen weg. Das Großsegel  ist ordentlich mit nur 3 Zeisern  an die  Gaffel gebändselt.

Die Gaffel wird auf fast allen traditionellen Segelschiffen gevaren. Sie (gekrümmt oder gestreckt) ist ein Baum (Spiere oder Rundholz) mit einer mastseitigen Klau und einer Piek am äußeren Ende. In diesen Baum wird  das Groß-Segel eingenäht. Im Vergleich zu einem spitzen Dreiecksegels wird die Segelfläche hierdurch erheblich  (bis Faktor 2) vergrößert. So wird der  Segelmittelpunkt erheblich fußwärts verschoben und damit die (Kennter-)stabilität vergrößert. Die Masthöhe kann so erheblich reduziert werden.

Hier zu sehen die sog. FALLEN, Klaufall aussen und innen das Piekfall. Wenn man Fallen loslässt, fallen die Segel runter, umgekehrt werden mit den Fallen die Segel gesetzt (hochgezogen). Das  schwere, 44 m2 messende Grossegel läßt sich nur in der Art eines Flaschenzugs über Umlenkrollen (Blöcke),  ohne zusätzliche Winden setzen. Zuvor dreht man das Schiff  möglichst unter Landschutz mit der Nase voraus halb in den Wind. Das schräg nach unten hinten laufende Fall -die Dirk- hält den 120 kg schweren Vollholz Grossegelbaum fest. Wir fahren ihn auch über 2 Blöcke. Wenn man die Dirk hochzieht (Katten) und gleichzeitig die Gaffel sacken lässt(Geien) hat man sowas wie eine sehr effektive Bremse.Dazu sind nur 2 Handgriffe nötig, um das Schiff unter volle Vaart vor einem Hindernis im Weg abzustoppen.

 

Regatta treffen sind sowas wie Familienfeiern insbesondere die Rum-Regatta in Flensburg als grosses Fest zusammen mit vielen dänischen traditionellen Seglern. Der Erste bekommt hier als Preis, feierlich und möglichst mit einer passenden Geschichte dazu, irgendwas scheinbar völlig nutzloses vom Sperrmüll. Bei unseren nordischen Nachbarn, insbesondere natürlich aus Dänemark, ist der zweite Platz viel beliebter, da es hier eine 3liter  Rumflasche vom Feinsten gibt. Noch netter, kleiner , familiärer ist das Herbsttreffen der Freunde des Gaffelrigg in Glückstadt/Elbe.

Namensbrett mit verkürzter Kennung von JOHANNA aus Leo s Malkasten bzw. Feder. Die Vorlage stammt von der finnischen Schoner-Bark IDA, 1875 -im Geburtsjahr meiner Oma Ida- vor der schwedischen Westküste verloren gegangen.

Zu allen Zeiten haben die Schipper ihre Fahrzeuge so gut wie möglich mit Zierrat geschmückt. Das Schiff war Mehr denn ein Lastenesel.  Joachim Ringelnatz meinte dazu:

 

Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch. Und über sich Wolken und Sterne. Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch, mit Herrenblick in die Ferne. Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand -Wie trunkene Schmetterlinge- Aber sie tragen von Land zu Land- Fürsorglich wertvolle Dinge. Wie das im Wind liegt und sich wiegt, Tauwebüberspannt durch die Wogen, Da ist eine Kunst, die friedlich siegt, Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. - Natur gewordene Planken. Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsre Gedanken.

 

Vor 25 jahren

gab es

für die SCHÖNE DAME - damals 15 jahre  jung-

ein neues Teak-kleid, 

15 mm stark

und 4 m lang

Bestellung bzw Bezug war nur über eine  Firma möglich, heute niet langer verkrijgbaar !  Gibs nich mehr.

 

 

 JOHANNA v. AMRUM         mit dem erstem Reff im Grossegel -op volle zee-. Der  norddorfer Teil unserer amrumer Familien spendete uns 2000 dieses Bild von Ole West. Kaike besuchte ihn in seiner Malerei-Werkstatt auf Norderney und bekam als Segelmacher in ihrem ersten Lehrjahr  sogar einen Sonderpreis.

Wie manchmal im Leben hatte ich mich schon in meiner Jugend in ein Bild bzw.ein Foto verguckt: Hoogaars ALADDIN OB41 in "Ronde en Plattbodems" von Jan Lunenburg. Ich dachte damals  wie auch heute darüber: Mann-o-mann :  Für die Nordsee übertakelt? So fing die Geschichte mit dem Interesse an traditionellen Segelfahrzeugen  an.

 

 

2004 , Johannas Holzkleid nach 4  langen  Jahren  Winterarbeiten endlich fertig. Die 15mm starken gekrümmten Leibhölzer ohne Schraubenfixation mußten 3 wochen lang mit Schraubzwingen in Form gehalten werden, um am stählernen Deck haften zu bleiben. Li unten sieht man die Fockschotwinde und in Bildmitte den Violinblock (Doppelblock) für das Backstag.

GEMAKELIG GAAN VAREN

 Vaart houden niet knijpen  am Schiebeluk hat uns Saskia Ruth aus Norddorf  in Teak geschnitzt, liebevoll verziert. So fährt Sass immer  weiter mit uns und Johanna mit. Sie stammte aus einer halb holländischen norddorfer Familie, in der ich als kleiner Junge viele  freyheitlichen Anregungen  insbesonders von ihrem Vater FRITS bekommen habe. Er war wie Daniell Düsentrieb ein großartiger Ingenieur,  Flugzeug-Pilot und Konstrukteur, ein Alleskönner und Macher. Entwickelte u.a. schon 1950 eine Fussbodenheizung im 200 j alten Friesenhaus (Keikes Hüss), um es vorsichtig  und behutsam zu erhalten.

 

gemakelig gaan varen kann man schlecht, nicht mit einem einzigen deutschen Wort übersetzen.  Eine erfahrene Seglerin, die  in ihrer Jugend  auf der heutigen Vogelschutz-Insel  Griend zwischen Harlingen und Vlieland  lebte,  fasste ihre Plattbodenerfahrung- sie nannte es filosofi - so  kurz und prägnant  wie nur eben möglich, mit nicht mehr als je drei bis vier Wörtern zusammen:

 

Gemakelig gaan Varen meint komodig entspannt zu segeln, indem man für eine Balance der Segelflächen (bzw der hier angreifenden Kräfte) vor und hinter dem Mast sorgt ( Trimm).  Das Schiff muß ohne viel Arbeit für den Rudergänger varen, beim Plattbodenschiff meist einfach zu  korrigieren durch die Position den Seitenschwerts.  Dazu muß man es gut kennen, braucht nur Übung.

even eens gaan proberen

das meint mit einem Plattboden man kann immer versuchen, ob man noch über die Untiefe weg kommt. Wenn nicht, auch nicht schlimm, man sitzt dann eben  nur ein paar Stunden auf Schiet.

 

vaart houden, niet knijpen  meint nicht zu hoch in den Wind fahren, dann verliert das Schiff  an Fahrt,  läßt sich nicht mehr steuern , vertreibt  sonst wo hin. Vaart houden  gilt überhaupt für  alle Lebenslagen, ist nicht nur eine wohlüberlegte  filosofi der alten  Fischer.

Alles DADDELDU ??????

 berühmtester norddeutscher Seemann , mit  vollem Namen KuddelDaddelDu, die von  Joachim  Ringelnatz  in vielen anschaulichen wunderbar schrägen  Abenteuern der christlichen Seefahrt beschrieben wurden, die heute allerdings nicht mehr ganz salonfähig sein dürften obwohl vom feinsten. 

 

Daddeldu bedeutete in der christlichen Seefahrt eigentlich Pause, fertig,  Ende